http://www.zeit.de/2008/36/P-Lander-Interview
• ZEIT: Alle ganz großen Projekte in den Biowissenschaften werden weitgehend von den Vereinigten Staaten betrieben. Warum ist der Cancer Genome Atlas eigentlich keine europäische Idee?
• Lander: Es gibt mehr Menschen in der EU als in den USA, oder? Wenn ihr pro Kopf ebenso viel Geld für Forschung ausgebt wie wir, könnt ihr das doch leicht machen. Falls nicht, dann frage ich mich allerdings: wieso? Es ist die wichtigste Investition für jede Gesellschaft.
• ZEIT: Offenbar sind Amerikaner eher bereit, viel Geld in Großprojekte zu stecken, obwohl die Gefahr besteht, dabei zu scheitern.
• Lander: Ganz genau. Man nennt das ein Experiment. Wer nur risikolose Projekte startet, wird nie große Erfolge erzielen. Wo wäre die Wirtschaft mit risikolosen Geschäftsmodellen? Auch in der Forschung gibt es eine Beziehung zwischen Risiko und Ertrag.
• ZEIT: Im Moment scheinen die Claims in der Bioforschung aber abgesteckt zu sein.
• Lander: Der Cancer Genome Atlas ist kein exklusives Unternehmen. Die Vereinigten Staaten übernehmen damit ihren Anteil der Verantwortung für ein Problem, an dem wir alle gemeinsam arbeiten müssen. Ihr habt fantastische Wissenschaftler in Europa. Ich erwarte, dass andere Staaten ihren Teil beitragen werden.
• ZEIT: Einen Chief Scientific Advisor der Regierung gibt es in Deutschland nicht in dieser Form. Aber wenn wir Ihnen den Posten geben…
• Lander: Was? Sie bieten mir einen Job an, den es gar nicht gibt?
• ZEIT: Wir wollen nur Ihren Rat.
• Lander: Ich kenne die Situation in Deutschland nicht gut genug, also gebe ich eine Empfehlung, die generell gilt: Das Wichtigste in der Wissenschaft sind junge Leute. Die größten Fortschritte machen Länder und Organisationen, die junge Wissenschaftler so früh wie möglich unabhängig machen. Es ist die größte Stärke der amerikanischen Forschung, dass junge Professoren und Nachwuchsforscher früh ihre Freiheit und eigene Budgets bekommen. Man muss ihre Kreativität nutzen, bevor sie 45 oder 50 sind.