Stammzellen Knochenmark gegen HIV
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Donnerstag 13.11.2008, 11:44

Ein leukämiekranker Patient, der zudem HIV-positiv ist, kann aufatmen: Eine Knochenmarktransplantation hält beide Krankheiten in Schach.
Das Universitätsklinikum Charité dämpfte aber bereits Hoffnungen auf eine neue Aids-Therapie. „Das ist ein herausragender Erfolg für die Wissenschaft. Es ist aber viel zu früh, über Therapiemöglichkeiten zu sprechen“, sagte Prodekan Rudolf Tauber. Bei dem Charité-Patienten, der wegen seiner Blutkrebserkrankung blutbildende Knochenmarkszellen transplantiert bekam, seien mehrere günstige Zufälle zusammengekommen.

Stolz sind die Charité-Mediziner dennoch auf ihre überraschende Entdeckung. Ursprünglich hatten sie vor drei Jahren einen 39-jährigen Mann aufgenommen, der an Blutkrebs (Leukämie) litt. Erst bei den Untersuchungen stellte sich heraus, dass er gleichzeitig schon länger eine HIV-Infektion hatte, die ebenfalls behandelt werden musste. Um beide tödlichen Krankheiten gleichzeitig zu bekämpfen, suchten die Ärzte nach einem besonderen Knochenmarkspender. Er sollte gegen das Aids-Virus immun sein. Das ist jedoch nur bei bis zu drei Prozent der Spender der Fall. Bei ihnen blockiert ein mutiertes Gen wie ein Torwart die Zellen, das Virus bleibt ausgesperrt.

Perfekter genetischer „Torwart“

Der schwerkranke Patient – ein US-Amerikaner, der in Berlin lebt – hatte Glück im Unglück. Für ihn kamen insgesamt 80 Knochenmarkspender infrage. Normalerweise sind es bei Leukämiefällen weniger als fünf. Der 60. potenzielle Spender verfügte über den passenden genetischen „Torwart“, der das Aids-Virus in Schach halten kann.

Die Stammzelltransplantation bekämpfte nicht nur die Leukämie. Seit rund 20 Monaten ist zur Freude und Überraschung der Ärzte auch das Aids-Virus nicht mehr nachweisbar. „Wir haben nicht nur das Blut untersucht, sondern auch Organe und das zentrale Nervensystem“, erläuterte Charité-Arzt Gero Hütter. Er will dennoch nicht davon sprechen, dass der Erreger ganz aus dem Körper verschwunden ist. „Dieses Virus ist zu trickreich“, sagte er. Es könne sich gut verstecken. Auch eine Mutation, die den „Torwart“ vor den Körperzellen austrickse, sei denkbar.

Gedämpfte Freude

Selbst nach fünf Jahren ohne HIV-Nachweis würden die Ärzte bei ihrem Patienten nicht von Heilung reden. Dafür sei der Fall zu einmalig, sagten sie. Für andere HIV-Patienten sei das Verfahren nicht geeignet, betonte Hütter. Allein die Stammzelltransplantation berge ein hohes Risiko. 20 bis 30 Prozent der Patienten schweben danach in Lebensgefahr.

Nur vier bis sechs von 100 000 Menschen erkranken an Leukämie. Bei einer HIV-Infektion liegt das Risiko nach Charité-Angaben doppelt so hoch. Dennoch bleibt der Berliner Patient mit seinen günstigen Voraussetzungen für die Stammzelltransplantation eine Ausnahmeerscheinung. Sie kann vor allem Genforscher motivieren, ihr Augenmerk weiter auf das „Torwart“-Prinzip zu lenken.

Therapie nur für wenige Patienten geeignet

Das bundesweite Kompetenznetz HIV/Aids trat Hoffnungen auf einem Durchbruch bei der Aids-Therapie ebenfalls entgegen. „Das ist sicherlich keine Heilung“, sagte der Sprecher des Kompetenznetzes, Norbert Brockmeyer. Es sei auch nicht das erste Mal, dass ein HIV-Patient mit Blutkrebs eine Knochenmarktransplantation erhalten habe, schränkte er ein. Es gebe bereits Studien aus den USA. Dort seien diese Versuche jedoch weniger erfolgreich gewesen.

Die Herangehensweise des Charité-Teams wertete der HIV-Experte als „intelligent“. Es sei ein hochinteressanter Befund. Auf eine breite Patientenschicht sei der Erfolg aber nicht zu übertragen, sagte auch Brockmeyer, der Professor an der Ruhr-Universität Bochum ist.
hb/dpa

NEUER ERFOLG – KNOCHENMARK IMMUN GEGEN HIV TRANSPLANTIERT

„Die Ärzte wählten den Stammzellenspender bewusst aus – der Mann, dessen Knochenmark verwendet wurde hat eine sehr seltene genetische Disposition, die ihn fast immun gegen eine HIV-Infektion macht. Browns Immunsystem lag am Boden, aber die HIV-resistenten Zellen des Spenders sorgten dafür, dass es sich wieder aufrappelte.