Geld ist der bedeutsamste Leitstern unserer Gesellschaft, sagt Gerhard Hofweber – ein Fehler. Wie es dazu kommen konnte und warum wir dennoch hoffen können, schildert der Philosoph in einem Gastbeitrag für manager magazin.
Augsburg – Wir haben die Vernunft verloren. Das ist das Ergebnis der philosophischen Analyse unserer Gesellschaft. Maßgebend ist dabei der Befund, dass Geld zum obersten Wert geworden ist. Wie ist das möglich? Wie kann man Geld als den obersten Wert ansehen?
Wenden wir uns zuerst den Fragen zu, was Geld eigentlich ist und welche Funktion es erfüllt. Wir können dabei auf die erste Theorie des Geldes eingehen, die Aristoteles formuliert hat und dabei feststellen, dass diese nach 2500 Jahren immer noch aktuell ist. Sie ist sogar viel aktueller und lehrreicher als alles, was heute täglich in den Talkshows zum Besten gegeben wird.
Aristoteles betrachtet Geld als Mittel zum Zweck. Denn das, was man kauft, muss einem mehr Wert sein, als das Geld selbst, sonst würde man es ja nicht kaufen. Von dem gekauften Produkt versprechen wir uns ein bestimmtes Gefühl, das wir wiederum höher schätzen, als das Produkt selbst. Am höchsten in dieser Hierarchie der Wertschätzungen steht aber das Glück. Glück wird dabei in einem weiten Sinne gefasst, als das Gelingen des Lebens im Ganzen, als das Bejahen des ganzen Lebens. Alles was wir tun, tun wir letztlich, um glücklich zu werden.
Dementsprechend weist Aristoteles dem Geld die Aufgabe zu, die Mittel bereitzustellen, die ein gutes Leben ermöglichen. Die Menge des Geldes und die Menge der Mittel werden also durch das gute Leben begrenzt. Mehr als das, was ein gutes Leben ermöglicht brauchen wir nicht. Deshalb ist für Aristoteles auch die Frage entscheidend, was das gute Leben eigentlich ist. Diese Frage lässt sich aber nur im vernünftigen Denken entscheiden.
Aristoteles entwirft aber auch ein Szenario, das heute Wirklichkeit geworden ist. Wenn nämlich das gute Leben als Maßstab wegfällt, gibt es für das Haben des Geldes keine Grenze mehr. Denn Geld drückt sich als Maßeinheit für den Wert in Zahlen aus und die Zahlenreihe ist unendlich. Man gerät also in den Sog der Maximierung. Wie viel Geld ist dann genug? Das ist unter dieser Perspektive eine sinnlose Frage, denn es ist nie genug. Egal wie viel es ist, es könnte immer noch mehr sein. Wenn das gute Leben und das vernünftige Denken als Maßstab wegfallen, wird das Bedürfnis grenzenlos und die Gier ist die logische Folge. 
2. Teil: Legitimation durch Sachzwang
Was wir heute erleben, die Welt, in der wir uns bewegen, ist eine Zuspitzung des aristotelischen Szenarios. Denn wir haben die Idee der Maximierung auf alle Lebensbereiche übertragen. Sie erstreckt sich auf den Hype des extremen Erlebnisses, das zum Beispiel im Extremsport erlebt werden kann. Die Idee der Maximierung bestimmt unser Arbeitsverhalten, unser ständiges Abwägen der Mittel im Verhältnis zum Vertrag, unsere Sexualität und alles andere.
Nachdenklich: Hofweber arbeitet als akademischer Rat für Philosophie am Lehrstuhl für Philosophie mit dem Schwerpunkt Ethik an der Universität Augsburg. Zudem ist er Gründer des Dr.-Hofweber-Instituts. Er studierte Philosophie, Germanistik, Logik und Wissenschaftstheorie.
Legitimiert wird die Maximierung durch eine gewisse Sachzwangargumentation: Der Wettbewerb wird globaler und somit härter. Wer also nicht zu den Verlierern von morgen gehören möchte, muss sich dem fügen. Und wir fügen uns.
Aber dabei können wir eine erstaunliche Beobachtung machen. Trotz alles Bemühens, trotz des sich Beugens unter das Diktum des Sachzwangs und obwohl wir uns alle Mühe geben, die Erwartungen zu erfüllen, werden wir nicht glücklich. Wir verlangen uns alles ab und sind auch bereit, alles zu geben, aber wir werden dabei nicht glücklich. Wir glauben, dass wir erst die maximalen Ansprüche erfüllen müssen, um uns das Recht auf Glück und das Recht, uns selbst zu bejahen zu verdienen. Aber diese Rechnung geht nicht auf und sie ist auch falsch.
Wahr ist, dass wir unter der Perspektive der Maximierung, des Verrechnens von allen auf seinen Nutzen nicht glücklich werden können. Wahr ist, dass wir unsere Selbstbejahung nicht durch Leistung erwerben müssen. Wahr ist, dass das Glück und das gute Leben immer unser oberstes Ziel bleiben wird. Wahr ist, dass mein eigenes Glück von dem meiner Nächsten nicht zu trennen ist.
Breite Teile der Gesellschaft beginnen dies zu ahnen. Es gibt Vorboten eines Wandels im Denken und Empfinden. Die Nachdenklichkeit nimmt zu. Fragen werden lauter: Wohin soll das Ganze noch führen? Wie weit können wir die Schraube noch drehen? Wollen wir dies überhaupt? Wo finde ich mein Glück?
Diese Fragen deuten auf eine Renaissance des Denkens und eine Rückkehr zu Vernunft hin. Wir wollen wieder wissen, welchen Sinn unser Tun in dieser Welt hat und es wird enorm wichtig werden, eine Sinndimension für unser Handeln zu finden, die über unser Arbeiten hinaus geht. Es kommt darauf an, das Leben als ein Geschenk zu verstehen. Wir dürfen unser Leben selbstbestimmt leben. Wir dürfen uns für das verschwenden, was uns Sinn und halt gibt.
Geld befreit uns von äußerlichen Zwängen und das ist angenehm und wichtig. Aber die Freiheit von etwas reicht nicht aus. Wir müssen uns auch eine Antwort auf die Frage geben können, wofür wir frei sind. Für sich selbst frei zu werden und sich damit selbst zu bejahen führt uns zum Glück. Wir haben begonnen, uns wieder daran zu erinnern. Wir haben begonnen, die Vernunft wieder zu finden.