Folgen des Atomausstiegs Aus David wird Goliath

Gestern noch war vom „Sterben der Stadtwerke“ die Rede, heute sind sie wieder obenauf. Ein Wunder? Es ist nicht das einzige, das die Energiewende bewirken soll. Zum Beispiel in Ulm und Neu-Ulm.

Von Albert Schäffer

Auf dem Weg in die Autarkie? Photovoltaik der Ulm-Neu-Ulmer Stadtwerke auf dem Daimler-Dach - im Hintergrund das Ulmer MünsterAuf dem Weg in die Autarkie? Photovoltaik der Ulm-Neu-Ulmer Stadtwerke auf dem Daimler-Dach – im Hintergrund das Ulmer Münster

20. August 2011

Unsere Nerven sind angespannt, als wir ins bayerische Senden kommen: Hier soll also ein regenerativer David den Atom-Goliath besiegen! In der Stadt im Süden von Ulm entsteht ein Kraftwerk, das auf die ehrfurchtgebietende Bezeichnung „Holzgas-Heizkraftwerk“ hört, hinter dem sich Verwandlungen verbergen, die dem technischen Laien höhere Magie dünken. Holz wird zu Gas wird zu Strom, lautet die Zauberformel – und sie wird in Senden nicht von einem der vier großen Energiekonzerne gesprochen, sondern von den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm. Also einer Spezies, die eine Zeitlang als Relikt aus einer betulichen Zeit öffentlicher Daseinsvorsorge galt, nicht gewachsen den Herausforderungen der liberalisierten Energiemärkte.

Die Baustelle im Sendener Industriegebiet, in die wir einbiegen, macht zunächst nicht den Eindruck einer Alchemistenwerkstatt, in der aus schnöden Holzresten das Gold unserer Tage, Energie, gewonnen werden soll. Wir steigen vor einem langgestreckten Komplex aus – Silos, Hallen, ein Kamin, der sich zum Himmel streckt: Wenig lässt von außen erkennen, dass hier die Holzvergasung zum ersten Mal in Deutschland im großen Maßstab genutzt werden soll. Holzvergasung – damit sind noch Bilder aus Kriegs- und Notzeiten verbunden, mit umgebauten Autos, die mit unförmiger Aufrüstung herumfahren. Matthias Vitek, der Projektleiter, geht treppauf in luftige Höhen, vorbei an – wie es scheint – Tausenden von Rohrleitungen zu riesigen Motoren, die wie gestrandete Wale auf dem Hallenboden ruhen. Wussten wir es doch – die Metamorphose von Holz in Energie muss Zauberei sein, mit geheimnisvollen Ingredienzen wie „Produktgaswäscher“ und „Thermoöl-Vorlauf“.

Von Erfahrungen profitieren

Die Stadtwerker: Ivo Gönner...Die Stadtwerker: Ivo Gönner…

Vitek, ein, wie man in Bayern sagt, „gestandenes Mannsbild“ mit lustigen Augen, wirkt freilich nicht wie ein Zauberlehrling – genauso wenig wie der österreichische Ingenieur, der ihn begleitet. In Güssing im Burgenland arbeitet schon seit 2002 ein Holzgas-Kraftwerk, von dessen Erfahrungen man in Senden profitieren will. Das Versprechen, dass mit der Holzgastechnologie der Brennstoff Biomasse deutlich besser genutzt werden kann als mit anderen Verfahren, soll weiter perfektioniert werden, bis zu einem Wirkungsgrad von achtzig Prozent – was doch wieder an ein Wunder grenzt, verglichen mit herkömmlichen Kraftwerken. Und mit einer jährlichen Stromleistung der Sendener Anlage von 36 Millionen Kilowattstunden und einer Wärmeerzeugung von 41 Millionen Kilowattstunden beschleicht uns der Verdacht, im nächsten Jahr, wenn der Regelbetrieb aufgenommen werden soll, werde in der Region Ulm auch das kleinste Ästchen, das zur Holzvergasung taugt, als Kostbarkeit gehandelt werden.

Je länger der Rundgang auf der Baustelle dauert, desto mehr schiebt sich eine Frage vor die technischen Wunderdinge: Wie ist es möglich, dass sich Stadtwerke eine solche Pionierleistung zutrauen? 33 Millionen Euro werden die Gesamtkosten in Senden betragen; 6,6 Millionen Euro steuert das Bundeslandwirtschaftsministerium bei aus einem Förderprogramm für nachwachsende Rohstoffe. Den Löwenanteil müssen aber die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm, die als SWU firmieren, tragen.

Wir verlassen Vitek und fahren nach Ulm, in die Karlstraße, zum Verwaltungsgebäude der SWU – ein nüchterner Zweckbau, kein ehrfurchtheischender Unternehmenspalast. Bald sitzen wir Matthias Berz und Jürgen Schäffner gegenüber. Berz ist alleiniger Geschäftsführer der SWU GmbH, der Muttergesellschaft der Stadtwerke, Schäffner der Technische Geschäftsführer der Tochtergesellschaft SWU Energie GmbH. Beide machen nicht den Eindruck von Leuten, denen finanzielle und technologische Abenteuer höchste Lust bereiten – das würde auch nicht zur Eigentümerstruktur der SWU passen: Die Stadt Ulm hält 93,68 Prozent der Anteile, den Rest die Stadt Neu-Ulm.

Gequälte Kreaturen

Berz und Schäffner sind Diener zweier Herren – eine Spätfolge des napoleonischen Sturmes, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die einst stolze Reichsstadt Ulm erfasste. Am Ende der territorialen Neugliederung standen zwei Gemeinwesen, die zu zwei Königreichen gehörten: Ulm wurde dem König von Württemberg untertan, über ein abgetrenntes Gebiet südlich der Donau, Neu-Ulm genannt, herrschten die bayerischen Könige. Diese Teilung überdauerte die Geschichte – und führte dazu, dass Berz und Schäffner ein Unternehmen führen, das sich in zwei Bundesländern und zwei Städten bewegt, mit verschiedenen rechtlichen Vorgaben und politischen Farben. Im Ulmer Rathaus sitzt mit Ivo Gönner ein Sozialdemokrat, im Neu-Ulmer Rathaus hat der CSU-Politiker Gerold Noerenberg das Sagen; in Baden-Württemberg ist mit dem Wechsel zur grün-roten Koalition die schwarz-gelbe Dominanz erst einmal vorbei, während sie in Bayern nach dem CSU-Absolutismus noch ein relativ junges Gewächs ist.

Den Eindruck gequälter Kreaturen, die zwischen Sammlungen des baden-württembergischen und bayerischen Planungsrechts aufstöhnen und sich mit Synopsen der energiepolitischen Festlegungen von vier Parteien abmühen, auf der Suche nach einer grün-rot-schwarz-gelben Schnittmenge, machen Berz und Schäffner aber nicht. Im Gegenteil: Es scheint, dass die Existenz als grenzüberschreitendes Unternehmen die Kreativität besonders fördert. Denn das Staunen, das in Senden mit dem ehrgeizigen Holzgas-Projekt seinen Anfang genommen hat, wird im Laufe des Gesprächs mit Berz und Schäffner immer größer: Es scheint fast unmöglich, eine Art der Stromerzeugung zu nennen, in der die Ulmer Stadtwerke sich nicht erproben.

...Jürgen Schäffner...…Jürgen Schäffner…

Ja, eine Ausnahme gibt es natürlich, den Atomstrom, der in der Vergangenheit gewaltige Investitionen erforderte – und gewaltige Rendite abwarf; doch die Großtechnik der Atommeiler überstieg die Kräfte der allermeisten Stadtwerke. Das Kernkraftwerk Gundremmingen, vierzig Kilometer östlich von Ulm gelegen, wird von RWE und Eon betrieben.

18.000 Quadratmeter große Anlagen

Aus der Stromerzeugung haben sich die SWU – wie auch andere Stadtwerke – aber nicht zurückgezogen. Sie haben schon vor Jahren damit begonnen, in der Energiebeschaffung mehr und mehr auf eigenen Füßen zu stehen. Geholfen haben ihnen dabei die üppigen Unterstützungen, die über Strompreise in die erneuerbare Welt fließen – wenn auch nicht ganz so üppig wie die Renditen abgeschriebener Kernkraftwerke. Seit der Energiepolitik der Regierung Schröder-Fischer mit dem Ziel, die Nutzung der Atomenergie zu beenden und die erneuerbare Energie zu privilegieren, können die Stadtwerke deshalb zum Marsch in die Autarkie blasen. Im vergangenen Jahr haben die SWU rund die Hälfte des Bedarfs ihrer Kunden mit Strom gedeckt, der aus eigenen Anlagen und aus Kraftwerksbeteiligungen stammte; bis 2025 soll eine fast vollständige Eigenversorgung erreicht werden. Wasserkraft, Sonnenkraft, Windkraft, Biomasse – kein Stichwort aus dem Reservoir der Energiewende, auf das Berz und Schäffner antworten müssten, da sei man nicht tätig. Photovoltaik-Anlage, Pumpspeicherkraftwerk, Gas- und Dampfturbinenkraftwerk, modernes Kohlekraftwerk – nirgends müssen die beiden Manager passen.

...und Gerold Noerenberg…und Gerold Noerenberg

Wir fahren nach Neu-Ulm. Wir wollen sie sehen, die 18.000 Quadratmeter große Photovoltaik-Anlage, welche die SWU auf dem Dach eines Omnibuswerks des Daimler-Konzerns errichtet haben. Die Solarmodule sind auf dem Dach der Montagehalle angebracht. Horst Uhl, ein Daimler-Mitarbeiter, führt uns in einem benachbarten Verwaltungsgebäude an ein Fenster, das den besten Blick auf die Anlage bietet. Auf den Standort war ein Solarunternehmen, eine Tochtergesellschaft eines Mineralölkonzerns, gekommen. Mit Google Earth suchte das Unternehmen nach großen Flächen, die sich für eine solche Nutzung eignen. Den Zuschlag erhielten dann aber doch die SWU, die für die Finanzierung einen ungewöhnlichen Weg wählten; rund 400 Stromkunden zeichneten für das Vorhaben Inhaberschuldverschreibungen in einem Wert von fünf Millionen Euro.

Aufbruch in neue Energiewelten

Bei der Solaranlage wiederholt sich, was schon in Senden bei dem Rundgang durch die Baustelle des Holzgas-Kraftwerks deutlich wurde: Dass es ganz verschiedene Möglichkeiten gibt, auf die erneuerbaren Energien zu blicken. Da sind die betriebswirtschaftlichen Zahlen – 9,5 Millionen Euro hat die Photovoltaik-Anlage gekostet, die den jährlichen Strombedarf von rund 650 Haushalten deckt; das Holzgas-Kraftwerk mit einer vielfachen Investitionssumme soll rund 10.000 Haushalte mit Strom versorgen können und zusätzlich noch Wärme in ein Fernnetz einspeisen. Und da sind die ökologischen Richtwerte, auch Nachhaltigkeits-Faktor genannt: Die Solaranlage in Neu-Ulm vermeidet im Vergleich zu einem modernen Kohlekraftwerk gleicher Leistung im Jahr rund 1700 Tonnen Kohlendioxid. Das Holzgas-Kraftwerk in Senden soll pro Jahr rund 40.000 Tonnen Kohlendioxid gegenüber einer erdgasbefeuerten Anlage sparen.

Und da ist die Begeisterung, die bei Horst Uhl und Matthias Vitek zu spüren ist bei dem Aufbruch in neue Energiewelten. Bei den Ulmer Stadtwerken sind es viele kleine und große Aufbrüche. An der Main-Staustufe Mainz-Kostheim betreiben sie zusammen mit einem Partner seit 2009 ein neu gebautes Wasserkraftwerk. Über eine Unternehmensgruppe, an der eine stattliche Zahl von Stadtwerken beteiligt sind, engagieren sich die SWU bei mehreren großen Kraftwerksvorhaben, unter anderem an einem Gas- und Dampfturbinenkraftwerk im nordrhein-westfälischen Hamm-Uentrop, das seit 2007 am Netz ist, und an einem Windpark, der vor der Nordseeinsel Borkum entsteht. Um die Schwankungen auszugleichen, die bei der Stromproduktion aus Sonnen- und Windenergie unvermeidlich sind, soll ein Pumpspeicherkraftwerk im Blautal westlich von Ulm entstehen; eine Planung für das Oberbecken musste wegen Protesten von Anwohnern allerdings aufgegeben werden – nun wird ein anderer Standort in der Nähe geprüft.

Ähnlich wie am Ende des Kalten Kriegs

Wir machen uns auf den Weg zum Ulmer Rathaus. Wie kann ein kommunales Unternehmen, das in seiner Bilanz für 2010 Umsatzerlöse von 403 Millionen Euro und einen Konzernbilanzgewinn von 5,8 Millionen Euro ausweist, bei der Energiewende so voranstürmen? Ein Unternehmen mit 1135 Mitarbeitern? Mit zwei mittleren Kommunen als Gesellschafter – Ulm hat rund 117 000 Einwohner, Neu-Ulm rund 52.000 Einwohner? Ivo Gönner, der Ulmer Oberbürgermeister, ist Vorsitzender des SWU-Aufsichtsrats. Als wir die Treppen in dem prächtigen historischen Rathaus zu seinem Büro hochsteigen, fällt der Blick auf einen Nachbau des Fluggeräts, mit dem Albrecht Ludwig Berblinger, der „Schneider von Ulm“, 1811 vergeblich versuchte, den Menschheitstraum vom Fliegen zu verwirklichen – technologisch waren die Ulmer schon immer vorwärts gewandt.

Der SPD-Politiker Gönner, seit 1992 im Amt, ist eine Institution in seiner Stadt, vergleichbar mit Christian Ude, dem Münchner Bürgerkönig. Gönner lobt zunächst einmal einen CSU-Politiker, der sich für das Holzgas-Kraftwerk in Senden eingesetzt habe – und ordnet dann die Energiewende in einen größeren historischen Zusammenhang ein: Es sei ähnlich wie am Ende des Kalten Kriegs, die alten Argumentationslinien griffen nicht mehr. Mit gelassenen Worten lässt er noch einmal vergangene Schlachten Revue passieren: Etwa den Wettbewerb um die Stromnetze kleinerer Gemeinden in der Region mit dem baden-württembergischen Energiekonzern ENBW – ruppig sei das zuweilen zugegangen. Und die Verlängerung der Laufzeiten der Atomreaktoren durch die schwarz-gelbe Bundesregierung im vergangenen Jahr sei ein Ärgernis gewesen, schließlich sei dadurch die Wirtschaftlichkeit der geplanten Investitionen der Stadtwerke in Frage gestellt worden. Je länger Gönner in seiner schwäbischen Sprachfärbung spricht, desto mehr wird greifbar, was das größte Kapital der Stadtwerke ist, jenseits aller Bilanzzahlen: Er ist gleichsam die fleischgewordene Botschaft, dass die Stadtwerke ein Unternehmen der Bürger für die Bürger sind.

Bürgerentscheid im Herbst

Gönners Pendant in Neu-Ulm, der Oberbürgermeister Gerold Noerenberg, spricht von einem Vertrauensbonus, den die Bürger den Stadtwerken entgegenbringen. Mit dem Pfund der Bürgernähe wuchern die SWU auch bei dem größten Vorhaben, das sie gegenwärtig planen: dem Bau eines Gas- und Dampfturbinenkraftwerks nahe dem bayerischen Leipheim, das rund 25 Kilometer östlich von Ulm entfernt liegt. Es soll mit einer Jahresleistung von vier Milliarden Kilowattstunden ein Fundament der Energieversorgung weit über die Region hinaus bilden; Gas- und Dampfturbinenkraftwerke können binnen Minuten hoch- und heruntergefahren werden, um Schwankungen bei der Stromerzeugung auszugleichen. Das wird 900 Millionen Euro kosten. Verirren sich die Stadtwerke nicht in ökonomische und technologische Sphären, in denen nur Riesen überleben können, sprich die großen Energieunternehmen. Berz und Schäffner schildern ihre Strategie: dass sie das Vorhaben zur sogenannten Umsetzungsreife entwickeln wollen und andere Stadtwerke sich dann beteiligen könnten; an Interessenten fehle es nicht.

Die SWU als Energiesherpas – wir machen uns noch einmal auf ihre Spuren und fahren nach Leipheim. Das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk soll auf dem weitläufigen Gelände eines ehemaligen Fliegerhorsts entstehen, das zwischen Leipheim, Günzburg und Bubesheim liegt. Hubert Hafner, der Günzburger Landrat, und Christian Konrad, der Erste Bürgermeister der Stadt Leipheim, beides CSU-Politiker, sind begeistert von den wirtschaftlichen Perspektiven, die sich mit dem Kraftwerk für die Region bieten. Doch nicht alle sehnen das Kraftwerk herbei; in Bubesheim befürchten manche Anwohner, dass durch den Wasserdampf, der ausgestoßen wird, ihre häuslichen Photovoltaik-Anlagen verschattet werden. Im Herbst soll ein Bürgerentscheid stattfinden; die SWU sind schon seit Monaten in der Informationsoffensive und werben für das Vorhaben.

Als wir Bubesheim, einen kleinen Ort mit 1430 Einwohnern, passieren, denken wir an Ivo Gönners Vergleich der Energiewende mit dem Kalten Krieg. An dessen Schlusspunkt war schon das Ende der Geschichte ausgerufen worden. Auch in der Energiepolitik ist das Ende der Geschichte noch nicht gekommen: Wer eben noch als David der Energiepolitik gepriesen wurde, könnte bald als Goliath geschmäht werden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dominik Gierke

Quelle: http://www.faz.net/artikel/C30923/folgen-des-atomausstiegs-aus-david-wird-goliath-30487974.html

na denn ivo…. sieh zu….. und vergiss die langzeitspeicherung mittels methanisierung von wasserstoff nicht……

guckst du hier: https://cyberwaves.wordpress.com/2011/06/18/netzschwankungen-durch-regenerative-energien-wind-solar/

dat http://derstandard.at/1271375348180/Wind–und-Solarkraftwerke-Neue-Stromspeichertechnik-mit-synthetischem-Erdgas

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